Im Westen nichts Neues (1930/ 2022)

Regisseur 1930: Lewis Milestone. Regisseur 2022: Edward Berger

Und tatsächlich möchte ich irgendwie chronologisch beginnen: Mit den bereits erwähnten Verfilmungen des Literaturklassikers Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque (1928)

Zunächst mal habe ich das Buch nicht gelesen, sondern lediglich den Wikipediaeintrag dazu- entsprechend kann ich zur Materialtreue nur bedingt etwas sagen. Ich weiß, dass [1930] recht nahe am Buch blieb, hauptsächlich die Abfolge der Ereignisse etwas verändert, während [2022] eine zusätzliche Handlung außerhalb des Schlachtfeldes einführt, einige zentrale Momente auslässt und das Ende deutlich umschreibt. Dabei ist gerade dieses Ende das namensgebende Element der Geschichte- und mit ein Grund, warum mir der Film von 2022 weniger gut gefällt als der ältere.
Doch beginnen wir am Anfang.
Im Westen nichts Neues erzählt die Geschichte des jungen Paul Bäumer der sich, angefeuert von den flammend-patriotischen Reden eines Lehrers gemeinsam mit seiner ganzen Klasse freiwillig zum Dienst im ersten Weltkrieg meldet. Episodisch werden seine Erlebnisse, die Beziehungen zu anderen Soldaten, besonders zum älteren Kameraden Katczinsky, genannt Kat, der Verlust der Freunde, das Ausharren im Schützengraben, die Absurdität des Krieges gezeigt. In den letzten Kriegstagen fällt auch Paul, an einem Tag, der so ruhig ist, dass der Heeresbericht lediglich enthält „Im Westen sei nichts Neues zu melden.“- zumindest ist das die Geschichte, die das Buch und, wenn auch nicht wortwörtlich so doch sinngemäß, der Film von 1930 erzählen. In der Neuverfilmung ruft ein irrer General Pauls Kompanie dazu auf, die Niederlage mit einem kleinen Sieg für Deutschland anzutreten und einen letzten französischen Stützpunkt einzunehmen. Dieses wahnwitzige Manöver entspricht sicher nicht „nichts Neuem“, sondern eher dem Gegenteil.

Eine weitere Szene, die für mich zu den einprägsamsten und drastischsten der Erzählung gehört, weil sie die Verrohung der jungen Männer im Krieg sehr greifbar macht, ist in der Version von 2022 nur angeschnitten und kaum wiederzuerkennen: Ein Kamerad der Jungen, ein Schulfreund, der sich mit den anderen freiwillig gemeldet hat, wird angeschossen, sein Bein ist schwer verletzt und muss amputiert werden. Doch bald stellt sich heraus, dass er die Verletzung nicht überleben wird. Noch während er bei Bewusstsein ist und mit der Realität des Verlustes seines Beines hadert, fangen die Freunde an sich darüber zu streiten, wer seine guten Stiefel bekommt. Die Neuverfilmung verlässt sich hier auf eine grafische Beinwunde, einen schnellen Tod, und das Ansichnehmen seiner Essensration durch einen namenlosen Soldaten.

Der Heimaturlaub, den Paul in seiner Zeit als Soldat bekommt, fehlt in der Neuverfilmung auch vollkommen- dabei waren gerade diese Momente des Nicht-Ankommens in der Welt außerhalb des Krieges prägend für die Kriegserzählungen der Generation. (So prägend, das dadurch beispielsweise Bestseller wie Narnia inspiriert wurden. Die Kinder, die in der Parallelwelt ganze Heere kommandieren, nur um bei ihrer Rückkehr wieder nicht für voll genommen zu werden, sind nicht das fantastische Element der Erzählung, sondern biographisch)
Dafür zeigt die Verfilmung von 2022 eine parallel zu Pauls Geschichte stattfindende Darstellung der Friedensverhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich. Und auch, wenn die Gleichgültigkeit der Machthaber schockierend ist, gewinnt das Narrativ dadurch kaum. Alles in allem wirkt es eher wie ein Versuch, durch Daniel Brühl noch ein bisschen Starpower und Vermarktbarkeit für den Film zu gewinnen- dabei hätte er das gar nicht nötig.
Während der Film von 1930 eher die Geschichte der Gruppe erzählt (auch wenn Paul natürlich unverkennbar der Hauptcharakter ist), verlässt sich die Verfilmung von 2022 auf ein intimes, nah am Mann bleibendes Porträt Pauls, das so sehr auf ihn fokussiert ist, dass alle anderen Charaktere stark im Hintergrund bleiben und kaum Tiefe bekommen. Hier brilliert Schauspieler Felix Kammerer auf ganzer Linie. Er trägt den Film durch sein starkes Schauspieler, seine greifbare Angst und sein Talent, unglaublich überzeugend dreckig und nass zu sein. An dieser Stelle ein großes Lob auch an Make-Up und Kostüm, die wirklich hervorragende Arbeit leisten.
Die Verfilmung von 1930 ist eine konkurrenzlose Materialschlacht- ein Film mit dieser unglaublichen Menge an Statisten und Equipment sucht noch Dekaden später seinesgleichen. Die Luftaufnahmen des Schlachtfeldes voller Explosionen, Trümmer und rennender Soldaten, die heutzutage schon beinahe nebensächlich wirken, waren damals bahnbrechend und wirken noch immer.
Nichtsdestotrotz sieht auch die Neuverfilmung hervorragend aus- das colour grading ist fantastisch so gewählt, dass die Nahaufnahmen des Schlachtfeldes beinahe wie recolorierte Originalaufnahmen wirken. Natürlich muss ich an dieser Stelle auch die Ähnlichkeit zu 1917 (2019) erwähnen. Sowohl look als auch Szenenaufbau ähneln sich teilweise sehr. Und auch, wenn vieles davon sicher historischer Genauigkeit geschuldet ist, so wirkt es doch manchmal etwas abgeschaut. Auch wenn [2022] filmisch nicht an die Brillianz des unglaublichen Longshots von 1917’s Lauf über das Schlachtfeld herankommt.

Gefallen haben mir beide.

1930 ist einer der wichtigsten Filme der Geschichte und bekommt eine glatte 10/10

2022 humpelt im Narrativ an manchen Stellen, macht aber einen guten Job. 7/10

Bechdel-Test: durchgefallen (beide)

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