Detachment (2011)

Regisseur: Tony Kaye
Mit Christina Hendricks, Adrien Brody, Sami Gayle u.a.

CW: Suizid, Erwähnung von Vergewaltigung
Henry erlebt als Vertretungslehrer das Schulsystem von seiner schlimmsten Seite. Solange eine dauerhafte Lehrstelle unbesetzt ist, springt er ein, mal für ein paar Wochen, mal für einige Monate. Seine Aufgabe ist nicht das vermitteln von Inhalten, nur das Hinhalten und Beschäftigen, bis der „echte“ Unterricht weitergehen  kann. So führt in sein Weg von einer desolaten, unterbesetzten und unterfinanzierten Schule zur nächsten, und überall sieht er das gleiche: desilusionierte Kolleg:innen, desinteressierte Eltern, allein gelassene Schüler:innen.
Detachment portraitiert Henrys Leben über einen Zeitraum von drei Wochen, die er an einer Brennpunktschule einspringt. Mit seiner eindringlichen aber fürsorglichen Art gewinnt er schnell auch die uninteressiertesten Schüler:innen für seinen Unterricht, versucht ihnen ein Basisverständnis nicht nur von der Bedeutung von Literatur, sondern auch von Selbstwertgefühl zu vermitteln, für die ganz schwierigen Fälle da zu sein und den Jugendlichen in der kurzen Zeit, die er mit ihnen hat, soviel wie möglich mitzugeben.
Doch währenddessen kämpft er auch mir seinen eigenen Dämonen. Die schwierige Beziehung zu seiner früh verstorbenen Mutter wird durch die Demenz des Großvaters, um den er sich kümmert, immer wieder an die Oberfläche gespült. Der Großvater widerrum ist die einzige menschliche Beziehung, die Henry überhaupt hat- bis er die minderjährige Prostituierte Erica von der Straße aufliest, ihr ein Dach über dem Kopf und medizinische Versorgung bietet. Während seine kurzen, intensiven Verbindungen sowohl zu Erica als auch zu seinen Schüler:innen und einer Kollegin immer turbulenter werden, zieht sich der bindungsaverse Henry immer mehr zurück, versucht Abstand zu gewinnen, Mauern zu bauen, sich selbst zu schützen.
Doch vor der Realität kann er nicht fliehen.

Im Dokumentarstil gefilmt, wechselnd zwischen Aufnahmen aus Henrys Leben und einem „Interview“ über seine Empfindungen dabei wirkt Detachment, als könnte er jederzeit so oder so ähnlich an einer beliebige High School in den USA stattfinden- aber auch hierzulande werden Lehrer:innen sicherlich einige Parallelen zu ihrem Beruf wiederfinden. Ein Schulsystem, das nicht auf die individuellen Bedürfnisse seiner Schützlinge eingeht, sondern Konformität und gute Noten priorisiert, koste es, was es wolle. Eltern, die Erziehung als Aufgabe der Schule ansehen. Schüler:innen, die nur Zeit absitzen. Mobbing. Depressionen. Perspektivlosigkeit.

Detachment ist kein einfacher, aber ein sehr, sehr wichtiger Film über kaputte Menschen in einem kaputten System.

9/10
Bechdel-Test: setzen, 6

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