
Die Angst vor der nuklearen Katastrophe in den Sechzigern
Dr.Strangelove
Regisseur : Stanley Kubrick
Mit Peter Sellers, George C. Scott, Sterling Hayden u.a.
Fail Safe
Regisseur: Sidney Lumet
Mit Henry Fonda, Walter Matthau, Fritz Weaver u.a.
Ab und zu in meinem Filmmarathon gab es Momente, die überraschende Parallelen in Filmen deutlich machten, Momente, in denen mir klar wurde, dass einige moderne Blockbuster nur Remakes von älteren Filmen sind, oder Momente, in denen es beinahe so wirkte, als gäbe es einen größeren Sinn hinter meiner zufälligen Filmauswahl, wenn ich genau die Filme, die in einem Streifen referenziert werden, gerade kurz zuvor geschaut hatte.
Doch nirgendwo wurde es so deutlich wie bei Fail Safe und Dr. Strangelove, und tatsächlich haben die Filme, außer extrem vielen Gemeinsamkeiten in der Handlung, auch eine gemeinsame Geschichte.
Beide sind Romanadaptionen, und bereits die Romane ähneln sich so sehr, dass es eine Plagiatsklage gab (Dr Strangelove basiert auf Red Alert (1958), Fail Safe auf dem gleichnamigen Roman von 1962).Die Filme wurden zeitgleich produziert, allerdings im Abstand von 9 Monaten veröffentlicht- eine Absprache, auf die Stanley Kubrick bestand, weil er den Erfolg seines Filmes bedroht sah. Und diese Bedrohung war nicht von der Hand zu weisen, denn sein „Konkurrent“ war niemand anderes als Sidney Lumet, der schon eine Oscarnominierung in der Tasche und die gefeierten Schauspieler Henry Fonda und Walter Matthau in seinem Cast vorweisen konnte.
Da Kubrick die kreativen Rechte an der Romanvorlage seines Filmes erworben hatte- und die Plagiatsklage zwar außergerichtlich beigelegt wurde, aber deutlich zu Gunsten von Red Alert ausging, überzeugte er Columbia Pictures, welches Dr Strangelove finanziert hatte, auch Fail Safe zu kaufen, und dessen Ausstrahlung mit genügend Abstand stattfinden zu lassen.
Und so kam es, dass von zwei sehr ähnlichen Filmen einer ein noch heute gefeierter Klassiker, und der andere beinahe in Vergessenheit geraten ist.
Beide Filme arbeiten mit der gleichen Prämisse: Flugzeuge mit nuklearen Sprengköpfen sind auf dem Weg nach Russland. Es ist nicht mehr möglich, den Piloten zu kontaktieren oder zu stoppen. In beiden Filmen versucht der Präsident der USA nun sein Möglichstes, um in Kooperation mit dem Russischen Staatschef eine Abwehr der Flugzeuge zu koordinieren, doch die Bemühungen scheitern.
Ein verrückter Deutscher schmiedet Pläne.
Und am Ende bleiben den Machthabern nur noch drastische Maßnahmen.
Dr Strangelove nähert sich der Angst vor dem Atomkrieg, in den frühen Sechzigern ein allgegenwärtiges Thema, mit einer beißenden Satire.
Ein verrückt gewordener General, der von der Verschmutzung der wertvollen amerikanischen Körperflüssigkeiten durch die intrigierenden Russen überzeugt ist, Galionsfigur der Paranoia, die durch Missinformation und Propaganda, Spionage, Konter-Spionage und Konter-Konter-Konter-Spionage entstanden ist.
Ein ehemaliger Nazi, der seine Vergangenheit noch nicht so sehr abgelegt hat wie er vorgibt, der als Berater des Präsidenten fungiert und am Ende einen erstaunlich ausgereiften Plan zum Fortbestehen der sozialen Eliten liefert, natürlich als Seitenhieb auf die zahlreichen Nazi-Wissenschaftler, die mit Ende des Krieges mit Einbürgerungen und Jobs in der Waffenforschung begnadigt statt bestraft wurden.
Ein schwacher Präsident und laute Generäle.
Ein Bomberpilot, der mehr Cowboy als Soldat ist, und noch dazu dumm wie drei Meter Feldweg.
Kein Aspekt der Krise wird von Kubrick nicht durch den Kakao gezogen, keine Position nicht persifliert.
Fail Safe hingegen ist ein bitterernster Thriller. Während Dr. Strangelove die Verantwortung für die gesamte Krise in die Hände eines verrückt gewordenen Generals legt, ist bei Fail Safe ein technisches Problem der Ursprung. Niemand ist Schuld, und die Katastrophe droht trotzdem. Diese Abwesenheit von Verantwortlichkeit macht sowohl das mangelnde Vertrauen in die technischen Fortschritte der Kriegsführung als auch die Hilflosigkeit vor der Bedrohung, die für die Bevölkerung sicher dramatisch war, deutlich. Und dennoch: wäre der dritte Weltkrieg ausgebrochen, so wäre es doch sehr viel Wahrscheinlicher verletztes männliches Ego gewesen als ein Zufall, der den Krieg ausgelöst hätte. Punkt für Dr. Strangelove.
Während es jedoch bei Dr. Strangelove nur den Irren General gibt, und die Berater, die verzweifelt versuchen eine Lösung für die Situation suchen, wird bei Fail Safe eine dritte Stimme laut: Dr. Groetschele, Berater des Weißen Hauses, der mit ruhiger Überzeugung dafür plädiert, die Flugzeuge nicht zurückzurufen, sondern den Moment als Chance zu nutzen und mit dem Überraschungsschlag einen Angriff auf die UDSSR zu starten, der durch das Überraschungsmoment sicherlich zu gewinnen wäre. Hier trumpft der Berater mit dem verdächtig deutschen Namen mit Kriegsfantasien- Punkt für Fail Safe.
Die tatsächlich wahrgenommene Bedrohung durch den Angriff der USA entsteht bei Fail Safe ausschließlich durch die Angst vor dem Vergeltungsschlag, bei Dr. Strangelove hingegen durch das Doomsday-Device der Russen: Sobald Russland getroffen wird, werden automatisch und ohne Möglichkeit, es zu verhindern, Sprengköpfe mit genügend Material gezündet, um die Welt für Jahrzehnte in einen nuklearen Winter zu stürzen. Überleben wird nur unter der Erdoberfläche möglich sein. Schnell wird der Entschluss gefasst, gewisse Eliten zu retten und mit genügend Frauen ein unterirdisches Zuchtprogramm zum Erhalt der Menschheit zu starten.
Fail Safe hingegen hält an einer Lösung des Konfliktes ohne weitere kriegerische Auseinandersetzung fest, und so ist es letztendlich der POTUS selbst, der den wahnsinnigsten Plan von allen schmiedet: Als Entschuldigung und Ausgleich für die Auslöschung Moskaus bietet er an, auch New York mit einer Atombombe zu bewerfen.
Das Retten der Eliten hat sich als Trope bewährt, jeder zweite Katastrophenfilm arbeitet damit, es wird gemeinhin als realistisches Szenario angesehen. Das Opfern der eigenen Bevölkerung in diesem Ausmaß zum Abwenden eines Krieges ist allerdings etwas, was ich so vorher oder nachher nicht gesehen habe- und hier ist plötzlich in der Konklusion die Satire realistisch und der Realismus aberwitzig. Ein interessanter Kontrast.
Dr. Strangelove besticht, abgesehen von seinen Inhalten, durch das wahnsinnig gute Set des War Rooms und einige denkwürdige Bilder, wie den Cowboy, der, die Rakete reitend, das Ende der Welt einläutet. Fail Safe durch eine gute Kamera mit vielen Close-Ups und aufgeladenen Stillen.
Beide haben ein hervorragendes Cast, auch wenn man Peter Sellers in gleich 3 Rollen natürlich hervorheben muss. Beide sind in schwarz-weiß gedreht, und für beide ist es die richtige Entscheidung.
Für mich ist es im Endeffekt eine Geschmacksfrage- mir persönlich hat Fail Safe besser gefallen, zum einen, weil ich großer Walter Matthau Fan bin, zum anderen, weil Humor einfach nicht mein Fall ist. Wer sich für die Stimmung der Ära interessiert, denen möchte ich ans Herz legen, sich beide anzuschauen, ich finde als Set funktionieren sie am Besten.
Beide bekommen 8/10
Bechdel-Test: beide durchgefallen
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