Everything, Everywhere, all at once (2022)

Regisseure: Daniel Scheinert, Daniel Kwan
Mit Michelle Yeoh, Ke Huy Quan, Stephanie Hsu u.a.

Ich bin wieder da und starte das Jahr mit dem must-see des letzten Jahres, nur für den Fall, dass irgendjemand ihn noch nicht gesehen hat: der fantastische, der überwältigende, der revolutionäre Everything, Everywhere, all at once, ein multithematischer, multi-Genre Film über das Multiversum. EEAAO vereint Familiendrama mit Sci-Fi, mit Kung Fu Comedy aus der goldenen Ära von Jackie Chan, mit soziologischer Betrachtung einer marginalisierten Demografik und das alles so flawless, als wäre es die leichteste Übung auf der Welt.
Doch beginnen wir am Anfang: Die Rahmenhandlung erzählt die Geschichte des Paares Evelyn und Waymond Wang und deren erwachsener Tochter Joy. Evelyn und Waymond sind aus China in die USA eingewandert, um dort ein bessere Leben zu führen- konfrontiert mit der harten Realität des Kapitalismus besitzen sie allerdings nur einen schlecht laufenden Waschsalon, die Ehe zwischen der strengen, perfektionistischen Evelyn und dem gutmütigen, naiven Waymond krieselt, die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist aufgrund ständiger Kritik stark angeschlagen, Evelyns Vater ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten zu Besuch und soll nicht erfahren, dass Joy lesbisch ist, und zu allem Überfluss steht eine Steuerprüfung an. Evelyn ist überfordert, aber zu stur, es sich anmerken zu lassen.

Und auf einmal steht ihr Leben Kopf: Auf dem Weg zur Steuerbehörde eröffnet ihr Waymond- ein anderer Waymond, aus einem anderen Universum- dass sie die zentrale Figur in der Rettung aller Multiversen, aller möglichen Versionen aller Realitäten ist, die drohen von der übermächtigen Jobu Tupaki vernichtet zu werden.
Evelyn muss lernen, ihre alternativen Realitäten anzuzapfen, um deren spezifische Fähigkeiten im Kampf gegen Jobus Schergen nutzen zu können. Doch das ist gar nicht so einfach, und manchmal verbindet sie sich statt mit der Kung Fu Meisterin eben aus Versehen mit der Opernsängerin, der Werbeschildträgerin, der Köchin. Doch Evelyn ist stur und stark und meistert bald die Kontrolle über ihre neuen Realitäten- bis sie am Ende einem unerwarteten Feind gegenübersteht: Den eigenen Emotionen, der eigenen Verletzlichkeit und der scheinbar unrettbar zerrütteten Beziehung zu ihrer Tochter, die sie in ihrer fürsorglich gemeinten Strenge an ihre Grenzen und darüber hinaus getrieben hat. Und am Ende ist es Liebe, nicht Macht, die das Schicksal des Multiversums entscheiden wird.
Das mag kitschig klingen, EEAAO schafft es allerdings mit Bravour, es nicht dahin ableiten zu lassen, sondern, zwischen Slapstick und Selbstzweifeln eine ernste, eindringliche Botschaft über Ehrlichkeit und Reue zu vermitteln, darüber, seine Familie nicht als Selbstverständlichkeit anzusehen, seine Beziehungen nicht als nebensächlich und seine Gefühle nicht als Last.

Doch EEAAO überzeugt nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf handwerklicher Ebene. Das Chaos des Multiversums wird zwar deutlich, aber nie unverständlich. Jeder Realität, die wichtig für die Erzählperspektive des Filmes ist, wird genügend Raum gegeben. Jeder Schnitt sitzt perfekt, Kostüm und Make-Up sind überragend. Ich habe wirklich null, nicht eine einzige Beschwerde über dieses absolute Meisterwerk, das hoffentlich direkt zum Klassiker wird.

12/10
Bechdel-Test: Goldmedallie

Hinterlasse einen Kommentar

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten