The Irish in Australia

The Nightingale (2018)
Regisseurin: Jennifer Kent
Mit Aisling Franciosi, Sam Claflin, Baykali Ganambarr u.a.

The True History of the Kelly Gang (2019)
Regisseur:  Justin Kurzel
Mit Essie Davis, George MacKay, Nicholas Hoult, Russel Crowe, Charlie Hunnam u.a.

Da ich kürzlich gleich zwei hervorragende Filme gesehen habe, die sich mit einem Thema befassen, mit dem ich bislang  keinerlei Berührungspunkte hatte, nehme ich das zum Anlass, mal wieder einen Vergleich zu schreiben.

Dass die Engländer bei der Kolonialisierung Australiens äußerst brutal vorgingen, und die indigene Bevölkerung gnadenlos unterdrückten, ist hinlänglich bekannt. Ebenso bekannt ist der jahrhundertealte Konflikt zwischen Irland und England- auch hier treten die Engländer als Annektoren und Unterdrücker auf. Dass sich diese beiden Konflikte jedoch derart stark miteinander vermischten, war zumindest mir bislang unbekannt: bereits ab dem späten achtzehnten Jahrhundert wurden tausende irische Gefangene nach Australien transportiert, um dort als billige Arbeitskräfte die englischen Truppen zu  versorgen. Doch bald gesellten sich auch freiwillige Emigranten unter die irische Bevölkerung Australiens; spätestens mit der schweren Hungersnot, die in den 1840ern begann, erreichte ein wahrer Strom  irischer Aussiedler die neue Heimat.

Vor diesem Hintergrund spielen sowohl The Nightingale als auch The true history of the Kelly Gang, tatsächlich decken beide je eine der beiden Herkunftsgeschichten ab.

The Nightingale spielt im Tasmanien der 1840er und erzählt die Geschichte von Clare, die als verurteilte Straftäterin für das englische Militär arbeitet. Nachdem ihre Familie vor ihren Augen brutal ermordet und sie selbst von den Tätern vergewaltigt wird, schwört sie, die Soldaten, die ihr Leben zerstört haben, zu töten. Doch diese sind unterwegs in die nächste Stadt, und der einzige Weg, auf dem sie einzuholen sind, führt durch die unerschlossene Wildnis. Mithilfe von Billy, einem Eingeborenen, der die Wälder kennt, macht sie sich auf die Jagd.

Auch Ned Kellys Familie ist ein Opfer englischer Willkürherrschaft. Sein Vater wird widerholt unter fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis geworfen, die Mutter regelmäßig sexuell missbraucht. All das gehört zu Neds Alltag, noch bevor er zehn Jahre alt ist.
Die nun alleinstehende Mutter verkauft ihn in ein Arbeitsverhältnis, das den Jungen traumatisiert fliehen lässt, und sokommt auch er schließlich in englische Gefangenschaft.
Als er zehn Jahre später zu seiner Familie zurückkehrt, sind aus seinen kleinen Geschwistern Kleinkriminelle geworden. Nach anfänglichem Widerstand schließt Ned sich ihrem Unternehmen an, und nachdem schließlich die Mutter von der englischen Polizei gefangen genommen wird, gründen sie unter Neds Führung die Kelly Gang und schwören, alle Polizisten, die die irische Bevölkerung schikanieren und unterdrücken, zur Rechenschaft zu ziehen.
Das Besondere an der Kelly Gang: Ihre Mord- und Raubzüge verüben sie in schicken Frauenkleidern- denn dann halten die Engländer sie für wahnsinnig. Und Wahnsinn schürt Angst.

Beides sind also Rachegeschichten, in denen sich Unterdrückte gegen ihre Herrscher und Täter auflehnen. Beide warten auf mit starken Hauptcharakteren, die nicht eindimensional von Rache getrieben sind, sondern komplexe Menschen erkennenlassen, mit ihren eigenen Fehlern und Schwächen- auch wenn The Nightingale eine fiktive Geschichte ist, während es die Kelly Gang tatsächlich gab.
Ein deutlicher Unterschied jedoch wird erkennbar im Umgang mit der indigenen Bevölkerung Australiens.
Sowohl Clare, als auch die Soldaten, die sie jagt, engagieren Aboriginies als Führer durch den Urwald. Und zu Beginn behandeln sie sie beide gleich: als Menschen zweiter Klasse, die einen Job zu verrichten und außerhalb dessen keinen Wert haben.
Billy wird jedoch mehr und mehr Clares Gefährten. Auch er und seine Familie haben unter eben jenen Engländern gelitten, die Clare verfolgt. In ihrem geteilten Trauma finden die beiden zunächst eine vorsichtige Verbindung, zum Schluss enge Freundschaft.
Was oberflächlich nach einer inspirierenden Geschichte aussieht, offenbart auf den zweiten Blick ein bekanntes Muster: Um die Charakterentwicklung der Protagonistin zu verdeutlichen, wird ein viktimisierter Nebencharakter herangezogen, an dem sie sich abarbeiten kann. Häufiger sieht man in dieser Dynamik einen männlichen Hauptcharakter und eine beliebige Frau, die ihn menschlicher erscheinen lässt- dabei wäre diese Art des Zusammenspiels überhaupt nicht notwendig gewesen, denn nach der äußerst grafischen und brutalen Darstellung von Clares Schicksal wird wohl nur ein Unmensch nicht auf ihrer Seite sein.
Andererseits gibt sich The Nightingale unglaublich viel Mühe, die Darstellung seiner Charaktere und Geschichte so realistisch wie möglich zu machen: die Eingeborenen sprechen untereinander palawa kani, eine Rekonstruktion der Sprache, die die Ureinwohner Tasmaniens gesprochen haben- und die nach der brutalen Auslöschung der Sprechenden nicht mehr existiert.
Ebenso sprechen Clare und ihr Mann irisches Gälisch miteinander- ein Hinweis darauf, dass sie tatsächlich in erster Generation in Australien leben.

Derlei kulturelle Hintergründe liefert  The true History of the Kelly Gang nicht. Von Aboriginies: weit und breit keine Spur. Nicht in ihrer Nähe, nicht im Gefängnis oder gar im Bordell, und ganz sicher nicht in ihrer Gang- die Welt der Kelly Gang scheint ausschließlich aus weißen Einwanderern zu bestehen. Und das obwohl die bushranger, die gesetzlosen Mörder- und Diebesbanden, die im spätern neunzehnten Jahrhundert die Wildnis Australiens unsicher machten, und zu welchen auch die Kelly Gang zählte, für ihre außerordentliche Brutalität gegenüber den Eingeborenen berüchtigt waren.

Hier offenbart sich auch der große Unterschied im Ton der beiden Filme: The Nightingale ist so naturalistisch wie möglich. Natürliches Licht, ein Score, der klassische australische mit irischen Instrumenten und Melodien verbindet, und eine Kamera, die vielleicht sogar etwas zu lang auf den schrecklichen Momenten verharrt.

The true history of the Kelly Gang hingegen ist ein stylishes Heldenepos mit anachronistischem Soudtrack: es läuft auch mal Punkrock. Und so sehr Gewalt auch das Leben von Ned Kelly und seiner Familie bestimmt, so selten wird sie in all ihrer Grausamkeit direkt gezeigt,  oft findet sie erkennbar, aber außerhalb des Bildrandes statt.

Beide Filme sind fantastisch. Beide erzählen auf eindringliche Art und Weise von einem wenig beachteten Kapitel der Geschichte, beide bleiben noch lange im Kopf, nachdem der Abspann verklungen ist. Beide werden getragen von unglaublich starkem Schauspiel.
Und so bleibt mit in der Bewertung als einziger Unterschied mein persönlicher Geschmack, und der tendiert nunmal zu kunstvoller inszenierung, experimenteller Kamera und überraschenden Designelementen. Und The true history of the Kelly Gang ist einfach einMeisterwek modernen Kinos.

The true history of the Kelly Gang
10/10

The Nightingale
9/10

Bechdel-Test: beide durchgefallen, wobei es bei the Nightingale eng war

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